Forschung trifft Praxis: Wie beeinflusst Mediation die Kommunikation im Arbeitsumfeld? (Teil 2)

Von Annika Bachmann

Als ich meine Masterarbeit im Studiengang Mediation an der Fernuniversität Hagen begann, stand eine zentrale Frage im Raum: Wie beeinflusst Mediation die Kommunikation im Arbeitsumfeld und wo verläuft die Grenze zwischen Motivation und Manipulation? Damals habe ich euch eingeladen, an meiner Studie teilzunehmen. 167 Personen sind diesem Aufruf gefolgt. Dafür bin ich sehr dankbar, denn genau diese Perspektiven bilden die Grundlagen für fundierte, praxisnahe Erkenntnisse.

Heute liegen die Ergebnisse vor: Sie zeigen deutlich, wo moderne Führung bereits gut funktioniert und wo noch Entwicklungspotenzial besteht. Fast alle Mitarbeitenden wünschen sich Vertrauen, Verantwortung und Transparenz. Im Arbeitsalltag kommt davon jedoch oft nur ein Teil an. Meine Masterarbeit zeigt, wie mediative Prinzipien Führung dabei helfen können, weniger zu steuern und mehr wirklich zu führen. Die Antworten waren eindeutig und teilweise überraschend.

Was Mitarbeitende wirklich motiviert und was (noch) fehlt

Mitarbeitende wissen sehr genau, was sie motiviert. Sie bekommen es nur nicht immer.

Nahezu alle Befragten gaben an, dass Vertrauen und Verantwortungsübertragung sie besonders antreiben. Dies erleben im Arbeitsalltag jedoch nur rund zwei Drittel. Ähnlich sieht es bei Lob, Einbezug in Entscheidungen und transparenter Kommunikation aus. Insgesamt klafft eine Lücke von etwa 39 Prozentpunkten zwischen dem, was Mitarbeitende motiviert, und dem, was sie tatsächlich erleben.

Kurz gesagt: Viele Führungskräfte wissen, was gut wäre, setzen es allerdings nicht konsequent um.

Mediation als „Trainingsraum“ für moderne Führung

Wie kann man diese Lücke schließen? Meine Untersuchung zeigt: Mediation kann dabei helfen.

Mediator:innen berichten, dass Mediation die Kommunikationskompetenz von Führungskräften vor allem in den folgenden drei Bereichen deutlich stärkt:

  • Perspektivwechsel: die Sicht der anderen Seite wirklich einnehmen
  • Bedürfnisklärung: hinter Positionen die eigentlichen Anliegen erkennen
  • Emotionsregulation: nicht mehr aus dem Affekt reagieren

Teilnehmende schreiben, dass sie gelernt haben, „in Ruhe zuzuhören, den anderen aussprechen zu lassen“ und „nicht mehr im Affekt zu kommunizieren“. Mediationsnahe Techniken werden so Schritt für Schritt zu einer wertschätzenderen Haltung in der Führung, die sich im Alltag spürbar zeigt und nicht nur in Theorieseminaren bleibt.

Motivation oder Manipulation – wo liegt die Grenze?

Ein besonders spannender Punkt: Wann motiviert Führung und wann manipuliert sie?

  • Mediator:innen sehen die Grenze meist klar.
  • Führungskräfte fühlen sich dabei relativ sicher.
  • Mitarbeitende erleben sie dagegen oft unscharf.

Theoretisch ist die Unterscheidung einfach: Motivierende Kommunikation ist transparent, wertschätzend und bietet echte Wahlmöglichkeiten. Manipulation arbeitet mit Druck, Andeutungen und verdeckten Interessen.

Praktisch zeigt sich jedoch: Viele Mitarbeitende erleben diese Prinzipien motivierender Kommunikation noch nicht konsequent umgesetzt.

Mein Rahmenmodell: Mediative Führungskommunikation

Aus Theorie und Umfrageergebnissen habe ich das Modell „Mediative Führungskommunikation“ entwickelt. Es verbindet vier Ebenen:

  • Kommunikation: Klarheit, Transparenz, bewusste Beziehungsbotschaften
  • Motivation: Stärkung von Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit
  • Emotion: Selbstwahrnehmung, Empathie, bewusster Umgang mit Emotionen im Team
  • Mediative Prinzipien: Allparteilichkeit, Interessenklärung, freiwillige und kreative Lösungen

Mediation ist damit viel mehr als ein Werkzeug für den Konfliktfall. Sie kann Führungskräfte dabei unterstützen, eine Kommunikationskultur zu schaffen, die bewusst motiviert statt subtil manipuliert und damit Vertrauen, Motivation und Arbeitsklima langfristig stärkt.

Über die Autorin: Annika Bachmann ist Juristin und arbeitet als Senior Legal Specialist im Bereich Dispute Resolution bei CMS Hasche Sigle. Parallel dazu absolvierte sie ein berufsbegleitendes Masterstudium in Mediation an der Fernuniversität in Hagen (M.M.). Ihre Leidenschaft gilt der Frage, wie Führungskräfte durch mediative Prinzipien Kommunikation bewusster gestalten und Teams motivieren können. Sie lädt Leser:innen ein, ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema zu reflektieren.